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Das "Kamasutra" ist wahrlich einer der einflussreichsten Texte der Weltkulturgeschichte zu Erotik und Liebeskunst. Leider wird es zu oft auf eine Aneinanderreihung geiler Stellungen und Sexualpraktiken reduziert. Nicht das dagegen etwas einzuwenden wäre - auch ich experimentiere gern und liebe anregende Beispiele... Jedoch besteht der Text in modernen Übersetzungen, weit entfernt von inhaltlich richtiger Wiedergabe des Originaltextes aus dem Sanskrit, oft nur aus Untertiteln zahlreicher Illustrationen. Kann auch anmachen, aber meines Empfindens nach verliert der Text, und auch der daraus resultierende Sex an Tiefe und Intensität - ein oberflächerlicher Abklatsch. Das Kamasutra jedoch ist kein simples "Erotiklehrbuch".
Historisch gesehen entstammt es dem höfischen Leben des 2./3. nachchristlichen Jahrhunderts. Dieses war im damaligen Indien geprägt von patriarchalen, aus unserer Sicht rigiden sozialen Strukturen, dem heute noch bestehenden Kastenwesen. Der Verfasser, Mallanga Vatsyayana, hatte mit dem Kamasutra wohl ein äußerst revolutionäres Werk verfasst! Um inmitten von wissenschaftlichen Werken Anerkennung zu finden, gliederte er seinen Text gemäß dem antiken Standard eines wissenschaftlichen Werkes. Auch der Titel war revolutionär: "Kama" (Sanskrit: Kaama) heisst grob übersetzt "Lust", "Sutra" heißt "Verse". Sutra ist eine gängige Bezeichnung in Wissenschaftstexten, die "Verse der Lust" war ein äußerst provokanter Titel, denn religiöse Schriften derselben Epoche beschreiben detailliert die Abwendung von derselben, das Kamasutra preist sie an und lobt sie in höchsten Tönen. Mit der im ersten Kapitel aufgeführten Anlehnung an drei Lebensabschnitte - Dharma, Artha und Kama - platziert der Autor sein Werk in den Mittelpunkt indischer allgemeingültiger Lebensphilosophie: Jeder Inder sollte zu einem erfüllten Lebensweg sowohl "Dharma" (Pflichterfüllung gegenüber der Gesellschaft), als auch "Artha" (Erwerb materiellen Reichtums und Wissens) und "Kama" (Lustgewinn sowohl als auch die Familiengründung) anstreben. In religiösen und philosophischen Texten wird dies noch komplementiert durch "Moksha" - dem Weg zur spirituellen Erlösung. "Kama" ist also eines der Hauptziele jedes Inders, und einen Text "Kamasutra" zu betiteln und darin lauter - aus prüder höfischer Sicht - "Schweinereien" zu erläutern, war also gelinde gesagt eine geile Sauerei. Trotzdem oder gerade deswegen (?) erlangte der Text Anerkennung.
Das Wort "Kama" bedeutet aber längst nicht nur "sexuelle Lust". Kama ist auch die Sinnesfreude, philosophisch erläutert jegliche Reaktion unserer Sinneskanäle ausgelöst durch von äußeren Objekten einströmenden Sinnesreizen. Der Duft einer Rose weckt ein bestimmtes "Kama". Auch Hunger und Durst sind "Kama". Ein Sinnesreiz der erotisches Verlangen weckt muss nicht auf im Westen sogenannte "errogene Zonen" beschränkt sein. Ein Zitat aus dem Text in einer hübschen Übersetzung, das den Begriff im positiven Sinne beschreibt:
"Kama ist die Freude des Körpers, des Geistes und der Seele
an erlesenen Empfindungen
Erwecke die Augen, die Nase, die Zungen, die Ohren, die Haut -
und zwischen Gefühl und Gefühltem
wird das Wesen des Kama erblühen."
Nun zum Inhalt des Buches: Es gliedert sich in 7 große Kapitel und zahlreiche Unterkapitel.
1. Einführung und Philosophie
2. Liebeskunst (die berühmten Stellungen, pragmatische Anleitungen für guten Geschlechtsverkehr, Oralverkehr, etc. und es ist der älteste Text in dem BDSM-Praktiken beschrieben sind.)
3. Vom Werben um "Mädchen", bzw. unverheiratete Frauen
4. Vom Umgang mit Ehefrauen, Harem
5. Vom Ehebruch
6. Über den Umgang mit Prostitutierten (darin sehr interessante und weise Eröterungen über das Zusammenspiel von Wollust und Gelderwerb - dass die Wollust und die Natürlichkeit gegeben sei ist für mich persönlich immer entscheidend für die Qualität eines Treffens, das Geld bestimmt allein die Länge...)
7. Über Aphrodisiaka
Damit hat der Text auch einen wichtigen Stellenwert in Sachen Ethik und Erotik und den richtigen Umgang damit, ohne, und das ist das Wesentliche, zu Moralisieren! Im Gegenteil, er propagiert einen sehr offenen, lockeren, vorurteilsfreien Umgang mit den Themen Verführung, Ehe, Ehebruch und Prostitution, ist denn Sinnesfreuden zugewandt, bis ins kleinste Details deren Vorzüge beschreibend.
Sexuelle Energie bestimmt einen Großteil unseres Denkens, Fühlens und Handelns. Wenn wir lernen unsere Triebe nicht nur zu befriedigen, sondern zu lenken, umzuwandeln, werden wir Herr oder Frau über unser Leben. In diesem Sinne ist die Beschäftigung mit Erotik für mich als Escort-Dame eine Quelle zum selbstbestimmten und erfüllten Leben!
Kamasutra - orientalische Liebeskunst am Bodensee |
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